Ein paar rote Dinge

Alles rot - Tomaten, Chili, Pfeffer
Ein paar rote Dinge aus der Küche

Aus gegebenem Anlass: Bereits mit wenigen Zutaten, lässt sich eine richtig leckere Nudelsoße zubereiten…

In diesem Rezept eine eindeutige Rot-Häufung. Und nein: die roten Chilis bitte nicht alle in die Soße tun. Sie reichen sonst keine 2 Wochen.

Heimliche Helden der Biomasse: Pilze, Flechten, Moose

Etwa 80% der gesamten irdischen Biomasse sind Pflanzen. In enger Nachbarschaft und oft mit ihnen vergemeinschaftet gedeihen Pilze und Flechten. Die machen zwar rechnerisch gerade einmal 2 % aus, sind aber allgegenwärtig und unser Interesse mehr als wert.

Äste, Flechten und Pilze in einem Glas
Den größten Anteil an der irdischen Biomasse haben Pflanzen

Es ist windig und nass. Auf dem Waldweg leuchten schweflig-gelbe Punkte. Der starke Wind hat seltsame Gebilde von toten Ästen gerissen und auf den Weg geweht. Was da leuchtet sind goldgelbe Zitterlinge.

Zitterlinge gehören zu den sogenannten Gallertpilzen. Bei Trockenheit bilden sie einen hornartigen Bewuchs an den Ästen, der sich wieder vergrößert, wenn es nass wird. Man könnte meinen, die Pilze selbst würden für ihre Ernährung das Holz zersetzen. Das tun sie jedoch nur indirekt. Sie leben auf den Fruchtkörpern anderer, das Holz bewohnender Pilze.

Überhaupt sind die meisten zunächst kahl wirkenden Äste Lebensraum zahlreicher anderer Organismen. Bei näherer Betrachtung der braunen bis grünlich-gelben Schichten zeigt sich eine erstaunliche Formenvielfalt. Es finden sich Moose, Pilze und Flechten. Mal recken sich winzige trompetenartige grüngelbe Teller nach oben, mal stehen kleine, sich verästelnde Sträucher darauf oder hängen als Bart herab.

Pilz und mehr als das: die Flechte

Flechten zählen systematisch zu den Pilzen. Sie sind jedoch eine Art Doppelwesen. Was sie ausmacht, ist eine Symbiose zweier oder mehrerer Organismen. Diese Lebensgemeinschaft von Pilzen und Algen miteinander ist so eng, dass die Eigenschaften der einzelnen Partner zurücktreten und sich grundlegend andere, eigene und flechtentypische Eigenschaften herausbilden. Der oder die Pilze sorgen z.B. für die Versorgung mit Flüssigkeit und mineralischen Nährstoffen. Die Alge als Photobiont erledigt die Photosynthese, zu der der Pilz nicht fähig ist.

Lebende Biomasse in der Wüste, auf Steinen und in Ritzen

Flechten gibt es auf der ganzen Welt. Manchmal wachsen sie auf Beton, manchmal auf Bäumen oder am Boden. Sie kommen auch in Gebieten vor, wo sonst nur wenig wächst. Dabei nutzen sie einerseits ihre Fähigkeit trockene Phasen unbeschadet zu überdauern andererseits ihr Vermögen Wasser anzusammeln.

Die Fähigkeit einen erheblichen Teil der Niederschläge zwischenzuspeichern und schnell wieder zu verdunsten, teilen sie mit den Moosen. Dieses Wasser versickert also nicht, sondern verdunstet bald wieder. So hat es eine ausgleichende Wirkung auf den Wasserhaushalt, aber auch auf die über den Landflächen herrschenden Temperaturen. Wissenschaftlich wird dieser Vorgang Interzeption genannt.

Moose und Flechten speichern Niederschlagswasser

Der Anteil der Flechten und Moose daran ist erheblich. Rechnet man den Beitrag der Moose und Flechten mit ein, steigt die weltweite Interzeption rechnerisch um 60%. Das geht aus einer Computersimulation hervor, die das Institut für Biochemie und Biologie der Uni Potsdam in Zusammenarbeit dem Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und der Universität Georgia durchgeführt hat.

Auch Moose und Flechten sind also für den Wasserhaushalt und das Klima ziemlich wichtig. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste mal Moosen und Flechten im Garagenhof zu Leibe rücken möchten.

Wie ist eigentlich die irdische Biomasse verteilt?

Eine 2018 veröffentlichten Metaanalyse (2) hat Daten aus hunderten wissenschaftlicher Arbeiten zusammengeführt und ausgewertet. Danach entfallen von den zirka 550 Gigatonnen Kohlenstoff der irdischen Biomasse:

  • 82,4 % auf das Pflanzenreich
  • 14,5 % auf Prokaryoten (Bakterien und Urbakterien)
  • 2 % auf (mehrzellige) Pilze und Flechten
  • 0,7 % Protisten (ein- bzw. wenigzellige Organismen und Pilze)
  • 0,3 % Tiere
  • 0,05 % Viren

(Die Abweichung von den 100 % ergeben sich durch Rundungen der Einzelzahlen: Mathematischer Ausweg wäre ein Aufrunden des Virenanteils – damit würde man aber leider die Größenordnung verändern. Die hier angegebenen gerundeten Prozentzahlen wurden aus den absoluten Zahlen aus der Studie berechnet. Die unterschiedlichen angegebenen Unsicherheiten bei den verschiedenen Taxa wurden vernachlässigt.)

(1) Porada, P., Van Stan, J.T. & Kleidon, A. Significant contribution of non-vascular vegetation to global rainfall interception. Nature Geoscience 11, 563–567 (2018). https://doi.org/10.1038/s41561-018-0176-7
(2) Bar-On, Y. M., Milo, R. & Philips, R. The biomass distribution on Earth. PNAS June 19, 2018 115 (25) 6506-6511. https://doi.org/10.1073/pnas.1711842115

 

Plastiklöffel im Mund

Das erste benutzte Besteck im Leben der meisten Menschen – der Babylöffel – ist heute aus Plastik. Wohl kaum ein Material steht so beispielhaft und war so prägend für die Entwicklung der Industriegesellschaft von den Nachkriegsjahrzehnten bis ins neue Jahrtausend wie Plastik. So prägend, dass unsere Zeit inzwischen analog zu Steinzeit und Bronzezeit zu Recht Plastikzeit genannt wird.

Gläschen und Plastiklöffel
Mit einem Plastiklöffel im Mund geboren: zeittypisch und sozialtypisch

„I was born with a plastic spoon in my mouth“ sangen The Who 1966 in ihrem Song Substitute. Das Material taucht noch an einer weiteren Stelle im Songtext in Gestalt eines durchsichtigen Plastik-Regenmantels auf. Und beide Male ist es Ersatz für etwas anderes, wie der Songtitel vorwegnimmt. Überhaupt wurde und wird im Song viel ersetzt. Und das Ergebnis taugt doch nicht für mehr als trügerischen Schein, der die tatsächlichen Umwälzungen ignoriert.

Der Sänger der Band The Substitutes wird die Coverversion des Songs Jahrzehnte später wie folgt ankündigen „My mother asked me: ‚What does it mean? A plastic spoon in my mouth?‘. I said: ‚It’s a metaphore‘.“, was von einem Band-Kollegen mit dem Zwischenruf „A what for?“ kommentiert wird.

Der Plastiklöffel als Metapher

Bei Plaudereien unter mittlerweile ergrauten Baby-Boomern erntet die Plastiklöffel-Zeile meist mindestens beifälliges Nicken. Wenigstens bei denjenigen, die nicht mit den sprichwörtlich goldenen Löffeln im Mund, sondern in entsprechend bescheidenen sozialen Verhältnissen geboren wurden.

Sie steht für ihr Heranwachsen in einer Dekade, in der das eigene Coming-of-Age mit dem Hereinbrechen großer Veränderungen zusammenfällt. Die sozialen Grenzen werden durchlässig, die Jugendlichen rebellisch. Wohlstand für alle ist das Versprechen der Zeit. Der Plastiklöffel verbindet metaphorisch die einfache Herkunft mit Modernität und den allgegenwärtigen Segnungen der Konsumgesellschaft.

Als zur Erschließung neuer Absatzmärkte nun umworbene Zielgruppe gelangen die einfachen Leute auch ganz ohne proletarisches Klassenbewusstsein zu neuer Selbstgewissheit. Massenmedien, allgemeine Verfügbarkeit von allerlei Substitutionsgütern wie den zitierten Plastiklöffeln, gepaart mit einem den Traumata von Weltkrieg, Atombomben, kaltem Krieg entgegengesetzten und das Individuum entlastenden Hedonismus prägen die Epoche: die ist kritisch, politisch und verwandelt doch alles in Popkultur.

Revolutionärer Impetus und Glauben an das technisch Machbare

Und Plastik ist das Material der Zeit. Es steht für das egalitäre Selbstverständnis der damals jungen Generation mit ihrem revolutionären Impetus gegen das Establishment genauso wie für einen ungetrübten Glauben an das technisch Machbare. Und nach den Plastiklöffeln in den Besteck-Schubladen werden wild gemusterte Nyltest-Hemden die Kleiderschränke und Kunstleder-Sitzsäcke mit Polystyrol-Füllung die Jugendzimmer erobern.

Plastiklöffel, Nyltest-Hemden, Sitzsäcke

Die melaminbeschichtete Spanplatten-Küche ersetzt das hölzerne Küchenbüffet. Und daneben die Eckbank, darin in einem der Fächer unter skai-bezogenen Klappsitzpolstern befindet sich landauf, landab eine Sammlung sorgfältig gefalteter, ihrer Wiederverwendung harrender Plastiktüten. Man wird dort vor dem nächsten Gang zum Supermarkt nicht etwa ein Exemplar entnehmen. Nein, eher dienen sie bei der kommenden Reise als Schuhbeutel oder dem Abtransport dreifach in Frischhaltefolie, Alufolie und Tüte verpackter Reste von Mettigel und russischen Eiern durch die letzten Gäste der Familienfeier.

Plastik ist dabei immer irgendwie Substitut, aber eben auch Ausdruck eines bestimmten Lebensstils. Der ist schnell, konsumorientiert und seine Waren sind massentauglich.

Wie die Plastiktütensammlung in der Eckbank vermuten lässt, sträuben sich die in den mageren Kriegs- und Nachkriegsjahren sozialisierten Jahrgänge hier und da gegen die Usancen der aufkommenden Wegwerf-Gesellschaft. Doch der Siegeszug des Plastiks schreitet mit der Entwicklung neuer Kunststoffe und neuer Anwendungen unaufhaltsam voran.

Das Plastikzeitalter: Siegeszug der Kunststoffe im 20. Jahrhundert

Kunststoff ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Vielmehr wurden die ersten thermoplastischen Verbindungen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Zellulose plastifiziert. Parkesine, später unter der Marke Celluloïd gehandelt, wird aus Cellulosenitrat und Kampfer hergestellt und diente zunächst als Ersatz für edlere Materialien wie Elfenbein, Schildpatt und Perlmutt. Später wurde daraus der durchsichtige Träger für Foto und Film, der Zelluloid-Film, entwickelt.

Zellulose war auch der Grundstoff für die ersten halbsynthetischen Textilien: das heute als Viskose bekannte Seidenimitat nannte sich zunächst nach seinem Erfinder Chardonnet-Seide. Monsieur Chardonnet ließ sich den neuen Stoff aus chemisch behandelter Zellulose 1884 patentieren.

Von der Kunstseide zur Mikrofaser und vom Bakelit-Eierlöffel zum Wegwerf-Besteck

Mit Zellulose ist also ein natürliches Material die Grundlage der frühen Kunststoffe aus dem 19. Jahrhundert. Doch das 20. Jahrhundert hatte kaum begonnen, als es in Amerika dem Belgier Leo Baekeland gelang, in seinem Bakelizer temperaturgeführt und unter Druck aus Phenol und Formaldehyd den ersten vollsynthetischen, duroplastischen Kunststoff zu gewinnen. Bakelit ist ein relativ sprödes, jedoch hartes, hitze- und säurebeständiges Material, das Strom nicht leitet. Nach dem Auslaufen des Patents für das Herstellungsverfahren Mitte der 1920er-Jahre verbreiteten sich Produkte aus Phenolharzpressmassen schnell. Ob Bakelit-Gehäuse für Radios oder Telefone und Lichtschalter, ob Zündspulen, Verteilerkappen oder Türgriffe: Bakelit wurde und wird überall dort eingesetzt, wo seine Beständigkeit, seine Isolationseigenschaften und die Tatsache gefragt ist, dass es sich unter Wärmeeinwirkung nicht wieder verformt.

Der Beginn des Plastikzeitalters

Einige Jahre später gelang Fritz Klatte die Polymerisation von Vinylchlorid, für das er ein Patent anmeldete. Allerdings blieb PVC zunächst ein Material ohne großtechnisches Anwendungsgebiet. Das sollte sich erst zwei Jahrzehnte später ändern, als man sich gewahr geworden war, dass Chlor als Abfallprodukt der Chemieindustrie als günstiges Ausgangsmaterial in großen Mengen zur Verfügung stand.

Von da an war der Siegeszug der Kunststoffe nicht mehr aufzuhalten.