Plastiklöffel im Mund

Das erste benutzte Besteck im Leben der meisten Menschen – der Babylöffel – ist heute aus Plastik. Wohl kaum ein Material steht so beispielhaft und war so prägend für die Entwicklung der Industriegesellschaft von den Nachkriegsjahrzehnten bis ins neue Jahrtausend wie Plastik. So prägend, dass unsere Zeit inzwischen analog zu Steinzeit und Bronzezeit zu Recht Plastikzeit genannt wird.

Gläschen und Plastiklöffel
Mit einem Plastiklöffel im Mund geboren: zeittypisch und sozialtypisch

„I was born with a plastic spoon in my mouth“ sangen The Who 1966 in ihrem Song Substitute. Das Material taucht noch an einer weiteren Stelle im Songtext in Gestalt eines durchsichtigen Plastik-Regenmantels auf. Und beide Male ist es Ersatz für etwas anderes, wie der Songtitel vorwegnimmt. Überhaupt wurde und wird im Song viel ersetzt. Und das Ergebnis taugt doch nicht für mehr als trügerischen Schein, der die tatsächlichen Umwälzungen ignoriert.

Der Sänger der Band The Substitutes wird die Coverversion des Songs Jahrzehnte später wie folgt ankündigen „My mother asked me: ‚What does it mean? A plastic spoon in my mouth?‘. I said: ‚It’s a metaphore‘.“, was von einem Band-Kollegen mit dem Zwischenruf „A what for?“ kommentiert wird.

Der Plastiklöffel als Metapher

Bei Plaudereien unter mittlerweile ergrauten Baby-Boomern erntet die Plastiklöffel-Zeile meist mindestens beifälliges Nicken. Wenigstens bei denjenigen, die nicht mit den sprichwörtlich goldenen Löffeln im Mund, sondern in entsprechend bescheidenen sozialen Verhältnissen geboren wurden.

Sie steht für ihr Heranwachsen in einer Dekade, in der das eigene Coming-of-Age mit dem Hereinbrechen großer Veränderungen zusammenfällt. Die sozialen Grenzen werden durchlässig, die Jugendlichen rebellisch. Wohlstand für alle ist das Versprechen der Zeit. Der Plastiklöffel verbindet metaphorisch die einfache Herkunft mit Modernität und den allgegenwärtigen Segnungen der Konsumgesellschaft.

Als zur Erschließung neuer Absatzmärkte nun umworbene Zielgruppe gelangen die einfachen Leute auch ganz ohne proletarisches Klassenbewusstsein zu neuer Selbstgewissheit. Massenmedien, allgemeine Verfügbarkeit von allerlei Substitutionsgütern wie den zitierten Plastiklöffeln, gepaart mit einem den Traumata von Weltkrieg, Atombomben, kaltem Krieg entgegengesetzten und das Individuum entlastenden Hedonismus prägen die Epoche: die ist kritisch, politisch und verwandelt doch alles in Popkultur.

Revolutionärer Impetus und Glauben an das technisch Machbare

Und Plastik ist das Material der Zeit. Es steht für das egalitäre Selbstverständnis der damals jungen Generation mit ihrem revolutionären Impetus gegen das Establishment genauso wie für einen ungetrübten Glauben an das technisch Machbare. Und nach den Plastiklöffeln in den Besteck-Schubladen werden wild gemusterte Nyltest-Hemden die Kleiderschränke und Kunstleder-Sitzsäcke mit Polystyrol-Füllung die Jugendzimmer erobern.

Plastiklöffel, Nyltest-Hemden, Sitzsäcke

Die melaminbeschichtete Spanplatten-Küche ersetzt das hölzerne Küchenbüffet. Und daneben die Eckbank, darin in einem der Fächer unter skai-bezogenen Klappsitzpolstern befindet sich landauf, landab eine Sammlung sorgfältig gefalteter, ihrer Wiederverwendung harrender Plastiktüten. Man wird dort vor dem nächsten Gang zum Supermarkt nicht etwa ein Exemplar entnehmen. Nein, eher dienen sie bei der kommenden Reise als Schuhbeutel oder dem Abtransport dreifach in Frischhaltefolie, Alufolie und Tüte verpackter Reste von Mettigel und russischen Eiern durch die letzten Gäste der Familienfeier.

Plastik ist dabei immer irgendwie Substitut, aber eben auch Ausdruck eines bestimmten Lebensstils. Der ist schnell, konsumorientiert und seine Waren sind massentauglich.

Wie die Plastiktütensammlung in der Eckbank vermuten lässt, sträuben sich die in den mageren Kriegs- und Nachkriegsjahren sozialisierten Jahrgänge hier und da gegen die Usancen der aufkommenden Wegwerf-Gesellschaft. Doch der Siegeszug des Plastiks schreitet mit der Entwicklung neuer Kunststoffe und neuer Anwendungen unaufhaltsam voran.

Das Plastikzeitalter: Siegeszug der Kunststoffe im 20. Jahrhundert

Kunststoff ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Vielmehr wurden die ersten thermoplastischen Verbindungen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Zellulose plastifiziert. Parkesine, später unter der Marke Celluloïd gehandelt, wird aus Cellulosenitrat und Kampfer hergestellt und diente zunächst als Ersatz für edlere Materialien wie Elfenbein, Schildpatt und Perlmutt. Später wurde daraus der durchsichtige Träger für Foto und Film, der Zelluloid-Film, entwickelt.

Zellulose war auch der Grundstoff für die ersten halbsynthetischen Textilien: das heute als Viskose bekannte Seidenimitat nannte sich zunächst nach seinem Erfinder Chardonnet-Seide. Monsieur Chardonnet ließ sich den neuen Stoff aus chemisch behandelter Zellulose 1884 patentieren.

Von der Kunstseide zur Mikrofaser und vom Bakelit-Eierlöffel zum Wegwerf-Besteck

Mit Zellulose ist also ein natürliches Material die Grundlage der frühen Kunststoffe aus dem 19. Jahrhundert. Doch das 20. Jahrhundert hatte kaum begonnen, als es in Amerika dem Belgier Leo Baekeland gelang, in seinem Bakelizer temperaturgeführt und unter Druck aus Phenol und Formaldehyd den ersten vollsynthetischen, duroplastischen Kunststoff zu gewinnen. Bakelit ist ein relativ sprödes, jedoch hartes, hitze- und säurebeständiges Material, das Strom nicht leitet. Nach dem Auslaufen des Patents für das Herstellungsverfahren Mitte der 1920er-Jahre verbreiteten sich Produkte aus Phenolharzpressmassen schnell. Ob Bakelit-Gehäuse für Radios oder Telefone und Lichtschalter, ob Zündspulen, Verteilerkappen oder Türgriffe: Bakelit wurde und wird überall dort eingesetzt, wo seine Beständigkeit, seine Isolationseigenschaften und die Tatsache gefragt ist, dass es sich unter Wärmeeinwirkung nicht wieder verformt.

Der Beginn des Plastikzeitalters

Einige Jahre später gelang Fritz Klatte die Polymerisation von Vinylchlorid, für das er ein Patent anmeldete. Allerdings blieb PVC zunächst ein Material ohne großtechnisches Anwendungsgebiet. Das sollte sich erst zwei Jahrzehnte später ändern, als man sich gewahr geworden war, dass Chlor als Abfallprodukt der Chemieindustrie als günstiges Ausgangsmaterial in großen Mengen zur Verfügung stand.

Von da an war der Siegeszug der Kunststoffe nicht mehr aufzuhalten.