Mal zu wenig, mal zu viel Bargeld

Notgeld zu Beginn der 1920er
Über eine Milliarde auf dem Tisch und keinen Appel und kein Ei wert …

Eine der Unwägbarkeiten des modernen Lebens wurde uns durch den Streik der Werttransportfahrer letzte Woche vor Augen geführt. Das Bargeld könnte knapp werden, hieß es. Prepper beherzigen vermutlich schon längst die Empfehlungen unseres ehemaligen Innenministers, Herrn de Maizière: Will man auf Krisensituationen vorbereitet sein, sollte man stets eine gewisse Menge Bargeld im Hause haben.

Zuviel Bargeld aber hat fatale Folgen: Die Erfahrung, dass sich die ohnehin schon extreme Inflation noch weiter zur Hyperinflation steigern kann, musste die deutsche Bevölkerung vor 96 Jahren machen. Im Jahr 1923 verschärfte sich die Situation derart, dass Geld, das die Leute am Mittag eingenommen hatten, schon am Abend praktisch wertlos sein konnte.

Für die 1115 Millionen und eine Mark, die hier auf dem Tisch liegen, hätte man sich bereits im Frühherbst 1923 nicht einmal mehr ein Ei kaufen können. Geschweige denn, das Gläschen goldigen Safrans daneben.

1914 hatte die deutsche Regierung geglaubt, die horrenden Kriegskosten nach dem Sieg dem unterlegenen Gegner aufbürden zu können. Es kam anders. Denn nach der Kapitulation sah sich der deutsche Staat mit zweierlei Schulden konfrontiert: mit den in Gold und Devisen zu leistenden Reparationszahlungen und mit der Rückzahlung der Kriegsanleihen an die eigene Bevölkerung.

Vor allem der ärmere Teil der deutschen Bevölkerung hat die deutschen Kriegsschulden aus den Kriegsanleihen durch die Geldentwertung mit Hunger und Elend bezahlt: der dreistellige Milliarden-Betrag, den der deutsche Staat den Anlegern aus den Kriegsanleihen geschuldet hätte, war nach der Währungsreform auf ein Billionstel seines ursprünglichen Wertes geschrumpft: nämlich auf etwas mehr als 15 Pfennige.